Samstag 29.12.2012
Eigentlich sollte heute bereits unser Mobby verladen werden. Klappt aber nicht, also wir machen zunächst mal den ersten Teil der Papiere fertig. Als Agent haben wir bereits vor einer Woche Kamal über unsere Ankunft und unser Ansinnen informiert.
Allgemein: Der Versuch, sich durch den Behördenwahnsinn von Assuan alleine durchzuschlagen, ist, wenn man nicht arabisch muttersprachlich ist, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Kamal wurde in zahlreichen Foren empfohlen und wir können dies nur bestätigen – er ist seriös, kompetent und absolut zuverlässig.
Allein die Meldestelle, bei der es wieder irgendwelche nicht sinnbehafteten Stempel gibt, ist alleine nicht zu finden. Sie befindet sich in einer verworrenen Nebengasse in Assuan (nicht am Hafen !)
Wo auch gleich das nächste Problem auftritt: Die Einreise mit dem eigenen Fahrzeug wird ohne zusätzliche Formalitäten für 30 Tage genehmigt und entsprechend in das Carnet des Passage (internationales Zolldokument) eingetragen. Dies hat aber den Grenzer bei unserer Einreise vor einer Woche in Nuweiba bereits überfordert: Für uns nicht erkennbar weil nicht lesbar hat er nicht eine Gültigkeit von 30 Tagen eingetragen, sondern eine Gültigkeit bis 30.12.2012. Grrr (Bild Bombe ?)
Den Rest des Tages machen wir einen auf faul und schreiben an unserem Tagebuch weiter.
Sonntag, 30.12.2012
Pünktlich um 8.30 Uhr steht Kamal vor dem Hotel. In einer abgelegenen Gasse ist das Generalkonsulat des Sudan. Dort treffen wir Antonio und Angela aus Bari/Italien. Sie haben eine ähnliche Strecke vor sich und benötigen noch das Visum für den Sudan. Bokra – gibt es morgen.
Weiter geht es zum Hafen. Das sieht irgendwie nicht gut aus, da stehen dutzende von LkWs, und die sind alle irgendwie ziemlich voll. Und die stehen da bestimmt auch nicht aus Langeweile rum…
Das Prozedere sieht dabei in der Prozesstheorie wie folgt aus: Die Fahrzeuge und kommerzielle Fracht werden getrennt von den Passagieren transportiert. Idealerweise bekommt man sein Fahrzeug auf eine Barke, die ein Tag vor dem Passagierschiff ablegt. Dann sind Fahrzeug und Passagier gleichzeitig am Zielhafen.
Das soll alles auf das Schiff ?
Glaubhaften Berichten zu Folge hat dies aber seit Beginn der Aufzeichnungen auf Papyrus allerdings noch nie so geklappt… Meist liegen Tage dazwischen, einige sind schon Wochen mit ihrem Fahrzeug in Assuan fest gehängt. Genau der Grund, warum wir dieses Nadelöhr eigentlich meiden wollten.
Aber dies ist der der aller einzige noch verbliebene Weg, von Europa aus in den Sudan oder allgemein auf die afrikanische Ostroute zu kommen. Jedes, aber wirklich jeder und jedes Fahrzeug muss mit der einen Barke für das Fahrzeug und dem einmal in der Woche verkehrenden Passagierschiff über den Assuan Stausee (Lake Nasser).
Ein paar Worte zum Assuan Stausee: Der Assuan Staudamm wurde in den 60er Jahren in 10 jähriger Bauzeit fertiggestellt und staut heute den Assuan Stausee auf eine Länge von 585km auf. Die Fährstrecke von Assuan nach Wadi Halfa beträgt dabei etwa 360km. Zahlreiche ehemalige Dörfer liegen auf dem Grund des Sees, der eine Tiefe von bis zu 70m hat.
Es folgt das bekannte Prozedere: Stempel, zahlen, Stempel, Stempel, Stempel. Kamal kommt aufgeregt angelaufen,“ Come to manager, problem, problem ! Antonio und ich laufen los, nichts Gutes ahnend.
Und es kam ganz dick: Das Schiff für die Fahrzeuge liegt noch in Wadi Halfa – technischer Schaden. Das andere ist sowieso kaputt. Ist wahrscheinlich in 10 Tagen wieder hier… Die Ausdrücke, die in den folgenden Minuten außerhalb des Büros fielen zu beschreiben, verbietet der Anstand. Aber sie hätten problemlos ein deutsch-italienisches Schimpfwörterbuch gefüllt. So, tiiief Luft holen, ganz ruhig und wieder rein zum Manager. Wir haben uns unsere Varianten zurecht gelegt:
- Teil 1, die deutsch-sachliche Variante: Big problem, Carnet zu Ende, Fahrzeug muss noch heute aus dem Land“. Antwort: „No Problem, you can leave the car in the harbor, or you can extend the carnet. No problem”.
- Teil 2, die italienisch – theatralische Variante: Seniore, prego, prego…..wäre es nicht bitterer Ernst, es wäre ein perfektes italienisches Schauspiel – „Sorry, there is no ship“.
Inzwischen sind Manager, Ober Manager, Ober-Ober-Manager und alles was laufen kann um uns versammelt.
- Teil 3, die deutsch-theatralische variante. Sir, please, please, I have to be in Khartoum on January 4th – my wife arrives and I cannot leave her alone in Khartoum – she´ll kill me!” – Sorry, there is no ship that can take cars. Cargo only..
- Teil 4: Klartext: Sir, wir müssen nach Wadi Halfa, koste es was es wolle. Wir chartern notfalls eine ganze Barke. “Sorry again, there is no ship that can take cars. Cargo only.“
Da meldet sich ein Mahzmet, ein grauhaariger Sudanese mit fröhlichen Augen: Im Hafen liegt eine Barke, die einen Querträger hat, auf den zwei Fahrzeuge passen könnten. Sie wird in den kommenden Tagen beladen und läuft dann nach Wadi Halfa aus. Wann kann er aber nicht genau sagen. Aber das könnte klappen. Müsste aber schnell gehen, denn in 30 Minuten macht der Zoll zu, und wir müssen die Fahrzeuge drauf haben, bevor am nächsten Tag das Passagierschiff an der einzigen zum Beladen geeigneten Stelle anlegt. Sonst bekommen wir die Fahrzeuge nicht mehr drauf.
Im Schweinsgalopp zu Angela, Jens und Ralf und die Situation und die nicht vorhandenen Alternativen erklärt. Also, machen wir so, auch wenn uns der Gedanke, dass wir dann im Sudan und unsere Fahrzeuge noch auf einer wenig Vertrauen erweckenden Barke im Hafen von Assuan sind, nicht zu den ganz großen Begeisterungsstürmen hinreißt.
Also, go. Wildes Rennen, Stempel-zahlen, Stempel-zahlen…
Mahzmet überzeugt inzwischen den Kapitän der Barke, für eine Aufmerksamkeit von 100 Pfund (~ 12 Euro) seine Barke sobald Platz ist kurz an die Anlegestelle zu fahren, damit wir mit den Fahrzeugen drauf können.
Ab zur Zufahrt, ganze vorne hin – Fakten schaffen. Und dann wieder warten…. In der Zwischenzeit eröffnen wir die erste italienische – deutsche Cafeteria im Hafen. Entspannte Stimmung kommt auf.
Voila, Schiff ist da, jetzt nur noch irgendwie drauf kommen.
Montag, 31.12.2012
Es geht aufs Schiff. Nicht sehr vertrauenserweckend, offiziell Platz für geschätzt 100 Passagiere. Wir schätzen, dass wir, drei Russen und etwa 300 Sudanesen an Bord sind. Aber – wir sind an Bord.
Wo immer Platz an Deck ist, stapeln sich Menschen und Gepäck. Wie es unter Deck aussieht, wollt ihr besser gar nicht wissen.
…. Gegen eine „Spende“ von 100 Pfund erhalten wir einen etwas abgetrennten Bereich direkt neben der Brücke.
Es ist Silvester und Antonio hat versprochen, für uns auf dem Schiff Pasta zu kochen -. Da haben wir mühsam unsere Gasflasche durch die Kontrollen geschmuggelt, und jetzt ist der Kapitän von unserem Ansinnen, den Gaskocher zu starten, so ganz und gar nicht begeistert.
Antonio ist promovierter Pharmazeut, hat in den letzten Jahren Südamerika umrundet und die Westküste von Afrika bereist – und ist leidenschaftlicher Koch. Und wenn Antonio kochen will, dann kocht er. Schnappt Pasta und alle Zutaten und verabschiedet sich in Richtung „Bordküche“.
Mit süditalienischem Temperament und vielem „Bon Jorno“, „Amigo“ und „Prego“ überzeugt er das Küchenpersonal, den Topf für ihn aufzusetzen. Dann folgen detaillierte Anweisungen, welches Gewürz in welcher Menge hinzu zugeben ist. Bis es ihnen zu viel ist – er darf jetzt selbst kochen ;).
Dienstag, 01. Januar 2013
Die ersten Sonnenstrahlen vertreiben die Kälte und im Osten taucht Abu Simbel auf, der größte Tempel, der einst zu Ehren von Ramses II errichtet wurde. Ursprünglich lag Abu Simbel einige Kilometer weiter westlich und wäre somit heute nur noch als Unterwassertempel für Taucher zu besichtigen. Bevor der Assuan See jedoch geflutet wurde, wurde der Tempel mit erheblichem Aufwand und Unterstützung durch die Unesco abgetragen und an der neuen Stelle im Original wieder aufgerichtet.
Um die Mittagszeit erreichen wir Wadi Halfa und es ist unübersehbar – es geht tiefer nach Afrika hinein.
Wadi Halfa ist ein Ort, der von Gott, Allah und allen anderen, die mit der Entstehung der Erde zu tun hatten, wohl inzwischen verlassen wurde. Einst war dies ein blühender Ort, dessen wesentliche Teile aber im Assuan See versunken sind. Heute gibt es eine verlassene Bahnstation, die an die Anfangsszene von „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnert, staubige Straßen, durch die der Wind den Sand treibt, und eine Menge nichts.
Nur an zwei Tagen in der Woche, wenn das Schiff aus Assuan dienstags ankommt um am Mittwoch wieder zurückzufahren, kehrt ein winziger Hauch von Leben in den Ort ein. Wer kann, verlässt den Ort mit dem nächsten Bus.
Wer sonst nichts zu tun hat, versucht Gold aus dem Staub zu waschen. Der Zustand des Ortes gibt allerdings keinerlei Indizien darauf, dass dieses Unterfangen von großem Erfolg geprägt ist.
Mazar, unser Kontaktmann in Wadi Halfa und im besten Sinne bis nach Khartoum bekannt wie ein bunter Hund, besorgt die Bustickets für Jens und Ralf. Sie werden morgen früh den Bus nach Khartoum nehmen, um ihren Rückflug am Donnerstag zu erreichen. Eigentlich wollten wir ja etwa am 26.12.12 bereits mit dem Fahrzeug das Land über Port Sudan erreicht haben. Und jetzt sitzen wir hier 8 Tage später am Ende der Welt, und unser „Mobby“ auf eine Barke in Assuan….
Mittwoch 02. Januar 2013
Um 04.00h machen sich Ralf und Jens zusammen mit Mazar auf den Weg zur Busstation. Es ist rabenschwarze Nacht, keine Beleuchtung. Jeder Friedhof wird angesichts dieser Stimmung zur Partymeile. Mein Stimmungsbild reicht von „wie lange dauert es wohl, bis man hier wahnsinnig wird?“ bis „wie viele sind hier wohl schon verstorben, während sie auf ihr Fahrzeug gewartet haben?“.
Mit der aufgehenden Sonne kommen Antonio und Angela aus dem Zimmer gekrochen. Kaffee, Kamal ruft aus Ägypten an, das Schiff liegt noch im Hafen. Sonst Wind, Sand, ein paar Hunde. Um die Mittagszeit taucht Diego auf, ein Italiener, der mit dem Motorrad auf dem Weg von Kapstadt nach Italien ist. Er muss am 07.01. bereits in Alexandria sein. Das wird eng. Mazar organisiert, dass das Motorrad mit auf das Passagierschiff geladen wird. Dann wieder Wind, Staub, Hunde.
15.00 Uhr, SMS von Kamal aus Assuan: Das Schiff hat Assuan mit unseren Autos um 14.00h verlassen. Wir fallen uns in die Arme, Kaffee und Tee zum Anstoßen (Bier, Wein oder allgemein Alkohol jeglicher Art gibt es im Sudan offiziell nicht, in Wadi Halfa in jedem Fall gar nicht). Wir planen die nächsten Etappen. Wenn das Schiff die Nacht durchfährt, ist es mittags da und wir kommen am Donnerstag noch durch den Zoll. Dann müsste es zu schaffen sein, Olya noch am Freitagabend in Khartoum vom Flughafen abzuholen.
Die knapp 1.000km Strecke von Wadi Halfa nach Khartoum wurde in den letzten Jahren mit der Unterstützung von China (Geld, Ingenieure und Arbeitskräfte) komplett asphaltiert. Bis Ende des Jahrzehnts soll die Strecke bis Kapstadt komplettiert sein. Dann gibt es eine Autobahn von Kairo bis Kapstadt.
16.30 Uhr, neue SMS von Kamal: „Schiff hat Zement geladen, langsam, kann nachts nicht fahren, Ankunft am Samstag“. Totenstille.
Mazar kommt. „You have heard the bad news ? Yes, I can see it”. Ich erzähle im nochmals, dass ich am Freitagabend eigentlich in Khartoum sein muss. „No problem, I thought this morning already about this. You take the bus tomorrow to Khartoum and pick up your wife. I will bring the car with Antonio and Angela to Khartoum if this is o.k. for”. Ich frage ihn, ob er das ernst meint. Natürlich meint er es ernst.
Donnerstag 03.01.2013
04.00h morgens, Busstation in Wadi Halfa. Ich mag es nicht glauben, da stehen 5 Busse. Alle voll bis auf den letzten Platz. Wenn die jetzt weg sind, ist der Ort endgültig leer. Ich bin der einzige nicht-Sudanese im Bus. Das Englisch meines Nebensitzers ist genauso gut ausgeprägt, wie mein arabisch. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen, tauschen tee gegen Cookies, Gelächter um uns herum.
05.00h Abfahrt. 10 Minuten später dröhnen die Lautsprecher: Der Muezin ruft auch durch die Buslautsprecher zum Gebet. Dauert 20 Minuten, kurze Ruhe. Dann eine Art Gesang, ähnlich dem der katholischen Priester, nur eben auf arabisch, klagend, laut, teilweise schreiend und teilweise sehr aggressiv wirkend. 30 Minuten, 60 Minuten, 90 Minuten – es hört nicht auf. Der Versuch, diesem Angriff auf Ohren und Nerven mit Tempo in den Ohren entgegenzutreten, scheitert kläglich. Das Iphone – „Herr, lass die Kopfhörer im kleinen Rucksack sein“. Ich wühle mich durch den Gang zu meinem Rucksack – die Ohrhörer sind da!
Der Bus rast Richtung Karthoum, aus dem Bordlautsprecher dröhnt laut der klagende Gesang – ich pfeife mir noch lauter „Highway to Hell“ rein.




















