Freitag, 21.12.2012
Der Morgen zeigt, was uns der Abend verborgen hatte, eine bizarre Landschaft um das Tote Meer tut sich vor uns auf.
Das Tote Meer bildet einen abflusslosen und rund 800 km² großen Salzsee und seine Wasseroberfläche wird häufig mit Werten um 390 m unter dem Meeresspiegel angegeben; tatsächlich liegt der Wasserspiegel wegen fortschreitenden Austrocknung um rund einen Meter pro Jahr bereits seit einigen Jahren unter 410 m unter dem „normalen“ Meeresspiegel.
Apropos Wasser im Toten Meer: Der Salzgehalt des Toten Meeres liegt im Mittel bei rund 28 %. Zum Vergleich: Der Salzgehalt des Mittelmeeres liegt bei durchschnittlich 3,8 %. Und der extrem hohe Salzgehalt birgt seine bisweilen sogar tödlichen Tücken – kommt auch nur etwas Wasser in die Lungen, so führt der hohe Salzgehalt zum Platzen der Lungenbläschen. Im Vorjahr sollen so zwei Kinder, die beim Spielen an der Böschung ins Wasser gefallen sind, ums Leben gekommen sein.
Die Böschung hinter machen wir uns durch ein morastiges, einer Kraterlandschaft ähnelndes Gebiet auf den Weg zum „Strand“. Weiß leuchtend ist dies kein Sand, sondern Salz. Und so hart, wie nur Salz hart sein kann.
Es ist kalt, windig und alles etwas unwirklich, es hat fast schon etwas beängstigendes. Der Ruf nach einem Frühstück tut dann sein Übriges, auf ein Bad zu verzichten. Zurück auf der Straße eröffnet unser Hotel Mobby sein reichhaltiges Frühstücksbuffet.
Nach den reichlichen Fahrstrecken der Vortage steht nun etwas mehr Bewegung auf dem Programm, Trekking durch eine der Schluchten des xxx national Park. Der Eingang ist schnell gefunden und das Schild “Access Prohibited“ hinterlässt keinen nachhaltigen Eindruck. Hmm, vielleicht hat das Schild doch seine Bedeutung, der Asphalt oder das, was von ihm übrig blieb, ist nur ein paar Zentimeter breiter als unser Mobby. Und links und rechts – nein, da wollen wir nicht runterrutschen…
Wir schaffen es verlustfrei zur Ranger Station. Ob wir das Schild „gesperrt“ nicht gesehen hätten? Ähh, nein, war da eines???
Die Trekking Routen sind gesperrt. Es ist Regenzeit und wenn es „oben“ regnet, werden aus den Rinnsalen in den Schluchten ohne Vorwarnung in kürzester Zeit reißende Flüsse. No Way.
Aber die Ranger freuen sich über etwas Abwechslung und so werden wir zum Tee eingeladen. Sie erzählen mit gebrochenem Englisch und mit Händen und Füßen etwas von Ihrem Leben als Ranger, viel draußen, beobachten, messen. Sonst zwei Räume für acht Personen zum Leben und Schlafen, vier Tage Dienst, dann drei Tage frei.
Der Raum füllt sich mit einer Mischung aus Zigarettenrauch, Wasserpfeife und Tee. Als Ralf sich eine Zigarette dreht, schauen sie ihn mit großen Augen an. Was macht der da, mit einer Hand ? Wir dürfen Bilder machen und als wir ihnen dann noch den Ausdruck eines Bildes aus unserem Minidrucker übergeben, ist das letzte Eis gebrochen.
Wir kommen nicht weg, Mittagessen wird serviert. Fladenbrot, zwei Töpfe mit Humus (pürrierte Kichererbsen) und Gulasch. Gegessen wird mit den Händen.
Es ist früher Nachmittag, als wir loskommen. Wir beschließen, entlang des Toten Meers und dann ein Stück Wüste noch nach Petra zu fahren. Nicht ohne zuvor doch noch einen kleinen Abstecher in die xxx Schlucht zu machen. Das Visitor Center macht den Eindruck als wären wir die ersten Touristen in diesem Jahrtausend gewesen. Manche Stellen in Jordanien sind eben doch recht unbekannt und so genießen wir die xxx Schlucht ganz für uns alleine. Weit hineingehen darf man leider dennoch nicht, da aufgrund von kürzlichen Regenschauern die Gefahr der Überflutung besteht.
Ein Abend mit den Jordanischen Armed Forces – aus gegebenem Anlass ohne Bilder …
Wir verlassen Safi Richtung Süden und die Landschaft wird immer karger, bis wir nur noch ein Asphaltband vor uns sehen, das sich durch gelben Sand zieht. Rechterhand der Straße sehen wir in der Ferner einen Canyon und eine kleine Ansammlung vor Häusern. Tagelang waren wir jetzt auf Asphalt unterwegs, es zieht uns in den Sand. Ralf ist noch etwas skeptisch aber wir beschließen – hier ist unsere erste Ausfahrt in den Sand- Also ab Richtung Canyon, das muss eine super Aussicht sein. Wir fühlen uns wie Skifahrer, die ihre erste Spur durch frischen Pulverschnee ziehen, bis wir merken, dass dies gar keine gute Idee war.
Die Häuser entpuppen sich schnell als Militärposten und der Canyon als Grenze zu Israel (ein Blick auf die Karte hätte dies sofort gezeigt, nur haben wir halt nicht geschaut…). Entsprechend schnell ist auch schon das Empfangskomitee der jordanischen Armee auf den Weg zu uns. Oh, oh., gar nicht gut… Vier Mann springen bewaffnet vom Wagen und fragen uns in feindlichem arabisch, was wir hier zu suchen hätten (das entnehmen wir zumindest ihren Gestik). Keiner spricht auch nur andeutungsweise kommunikationsfähig etwas anders als arabisch. Es wird wild telefoniert, ein weiter Toyota kommt mit einem Offizier, wir erklären ihm, dass wir nur den Canyon besichtigen wollten. Kontrolle der Papiere und des Gepäcks. Er versteht uns, aber weiter wildes telefonieren, 5 Leute, 7 Handys. Aber alles sehr freundlich. Wir haben etwas den Eindruck, sie freuen sich über etwas Abwechslung in der tagelangen Beobachtung von Sanddünen.
Wir sollen ihnen zurück zur Hauptstraße folgen, ich zusammen mit dem Offizier im Army- Wagen, Jens und Ralf mit bewaffnetem Begleitschutz mit unserem Mobby. Danach wieder Army Wagen. Solch eine Eskorte bekommt sonst bestimmt nur der Präsident. Während der Fahrt erklärt mir der Offizier „you are our friends and we are very sorry, but this is the process“. Kurz vor Erreichen der Hauptstraße bleibt Jens dann noch mit unserem Mobby und seinem Begleiter im Sand stecken. Gelächter. Nachdem ich den Wagen wieder frei gefahren habe (während einer der Soldaten grinsend von einem Good Driver und einem Bad Driver spricht – und mit „Good Driver war nicht Jens gemeint; Sorry, der Seitenhieb muss sein -) geht es mit Eskorte zur nächsten Kaserne.
Alles Gepäck abladen. Inzwischen hat sich eine Traube von bestimmt 10-15 Soldaten um unser Auto gebildet. Irgendwie geht es gar nicht mehr um die Kontrolle des Gepäcks, sie sind mehr daran interessiert, wie wir das Fahrzeug ausgebaut haben, wie das Dachzelt funktioniert, wie wir Wassertank und Zusatzbatterien verbaut haben, … Zigaretten werden ausgetauscht, Ralf macht wieder seine Nummer mit den selbst gedrehten Zigarette und es entsteht schon fast so etwas wie eine kleine Partystimmung in der der warmen Abendsonne.
Aber keiner da, der brauchbares Englisch oder Französisch spricht. Also neuer Konvoi, jetzt zur nächst höheren Dienstelle ins 15km Safi. Grummel, da kamen wir eigentlich her .
Selbe Prozedur, Woher wir kommen, “ah, Alemania, very good. Sorry for trouble, some tea ?” Berichte waren geschrieben, Pässe kopiert, Tee gereicht. Aber auch hier keiner, der etws anderes als arabisch spricht. Warum dies so wichtig ist, erfahren wir später.
Es ist schon Nacht, als ein neuer Mini-Konvoi gebildet wird. Unser Fahrzeug und ein Militärfahrzeug als Begleitwagen. 4 Soldaten sollen mit. Ich habe den Eindruck, sie suchen auch einen Grund und Möglichkeit, in die nächste Stadt zu kommen. Hhm, 7 Passagiere, wir haben drei Sitze, der Militärwagen hat drei Sitze, das wird eng. Einer der Soldaten erkennt die Situation schnell und meint „Michael, come on with me and the driver in the Military car“. Die beiden anderen Soldaten müssen sich nun zu zweit und mitsamt Bewaffnung auf den Beifahrersitz von unserem Mobby quetschen. Das sah nicht gemütlich aus ;).
Es geht ins 50km entfernte Al Karak – so gar nicht unsere Richtung, aber was solls. Alle sind entspannt, bis vielleicht auf die beiden „eingequetschten Soldaten auf dem Beifahrersitz. Verkehrsregeln gelten für die Army in Jordanien nicht und so geht es in abenteuerlichem Tempo durch die Berge und Jens hat massive Probleme, uns (also dem Offizier mit Fahrer und mir) zu folgen.
Zwei freundliche Herren empfangen uns in der dortigen Kommandantur. Es müssen höhere Offziere sein, denn sie tragen Pullover und Jeans. Wir haben gelernt. Je höher der Dienstgrad, desto weniger formal das Erscheinungsbild. Sie stellen sich als Major Ali und Major Mohammed vor.
Major Mohammed spricht ausgezeichnetes englisch und wir erklären ihm unsere Geschichte, warum wir durch den Sand zum Canyon gefahren sind. Er liest die zahlreichen Berichte, lacht und meint es wäre seine Aufgabe, uns zu befragen um sicher zu stellen, dass wir wirklich Touristen sind. Und dass es ihm Leid tut, dass wir deswegen so lange aufgehalten werden, aber es gab eben niemand anderes, der ein passables Englisch spricht. Fremdsprachen werden an den einfachen Schulen nicht gelehrt und nur die höheren Offiziere lernen Englisch, französisch oder türkisch intensiv an der Militärakademie.
Als Ralf auf sein Afghanistan Visum angesprochen dann erzählt, dass der er erst vor kurzem in Afghanistan war, um dort eine von ihm mitgeplante Großküche für die Bundeswehr abzunehmen, war das letzte Eis gebrochen. Es gibt wieder Tee und Major Mohammed erzählt, wie er bereits mehrfach im Rahmen von UN Einsätzen unterwegs war, unter anderem auch in Afghanistan und zuletzt in Liberia und der Coté d´Ivory.
Es dauert nochmals eine Stunde, dann ist auch der letzte Bericht geschrieben, kopiert und abgestempelt. Wir werden verabschiedet wie bei einem Besuch bei Freunden.
Wir entschließen wir uns, trotz der fortgeschrittenen Zeit, wie geplant noch die jetzt die 200km nach Petra zu fahren, allerdings jetzt auf befestigter Straße . Es ist bereits nach Mitternacht und lausig kalt, als wir in 1600m Höhe auf einem Plateau bei Petra unser Quartier aufschlagen.



