Montag, 14.01.2013
Pünktlich um 8.00 treffen wir uns mit Genade, unserem Guide, den wir noch am Vorabend über die „Guide Association“ in Konso engagiert haben, und machen uns auf den Weg nach „New York“. Die Erosion hat hier den weichen Boden aus dem Gestein gewaschen und zurückgeblieben ist eine bizarre Landschaft. Die zahlreichen an Stalakmiten hoch emporragenden Felsen gaben der Landschaft ihren Namen.
Konso selbst ist ein kleiner Ort, wie es unzählige andere gibt, und wäre eigentlich keine Erwähnung wert. Die Faszination liegt in den zahlreichen oftmals sehr versteckt liegenden kleinen Dörfern in der Umgebung. Und Genade bietet uns an, uns in das Dorf zu führen, in dem er aufgewachsen ist. Und seine Schule zu besuchen. Vormittags werden die Klassen 1-4, nachmittags die Klassen 5-8 unterrichet.
Die durchschnittliche Familie in diesen Dörfern hat 8 Kinder, und zur Schule gehen, je nach Status der Familie, nur die ältesten Söhne. Nur wenige Familien können es sich erlauben, auch ihre Töchter zur Schule zu schicken. Meist sind sie zu Hause und betreuen sobald sie gerade mal laufen können ihre noch kleineren Geschwister. Wie uns Genade erzählt, liegt es oft nicht am Willen der Familien, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Es fehlt einfach am elementarsten. Was er damit meint, erzählt uns der Schulleiter: Viele Kinder stehen den 4 stündigen Unterricht kaum durch, weil sie insbesondere in Zeiten schlechter Ernte einfach nicht ausreichend zu Essen haben und sich entsprechend nicht konzentrieren können. Die Schule unterstützt diese Kinder nach Kräften, aber die Möglichkeiten sind mehr als beschränkt. Auch das Unterrichtsmaterial wird von den Lehrern selbst hergestellt.
Es fällt schwer, die Eindrücke angesichts der unglaublichen Probleme einerseits und des gleichzeitig unglaublichen Engagements der Lehrer andererseits zu beschreiben. Was Lehrer und Schüler unter diesen Umständen leisten und zu leisten in der Lage sind, übersteigt dann aber alles, was wir auch nur andeutungsweise erwartet hatten, als wir den Mathematikunterricht besuchen dürfen.
An der Tafel stehen noch die Aufgaben der Abschlussprüfung der 7. Klasse. Der Weg zur Lösung der Aufgabe führt unter anderem über ein einfaches lineares Gleichungssystem 8+2x=x+2. Die Lösung X=-6 ist für den mathematisch bewanderten schnell zu errechnen, aber selbst in Deutschland wird die überwiegende Mehrheit der Schüler einer 7. Klasse mit dieser Aufgabe vor einer nicht einfach zu überwindenden Herausforderung stehen. Hier ist es Abschlussprüfung der 7. Klasse.
Im Nebengebäude im Neubau findet gerade Englischunterricht statt. 75 Schüler in einem Klassenzimmer.
Bevor wir uns verabschieden packen wir noch ein Päckchen mit vielem, was für uns so selbstverständlich ist und woran es hier so überall fehlt – ein paar Kugelschreiber, Farbstifte, Hefte.
Das Leben im Dorf
Wie seit Generationen ist jeder Ort von einer Mauer umgeben. Und als gäbe es nicht genügend Land, stehen die Hütten im inneren der Mauern dicht an dicht. Beides diente allein der Sicherheit, blutige Stammesfehden waren an der Tagesordnung und auch heute kommt es noch immer wieder zu Übergriffen. Reicht der Platz innerhalb der Mauer nicht mehr aus, so wird die Mauer an einer Stelle abgerissen und ein paar Meter weiter neu aufgerichtet und so die Siedlung vergrößert. Auf einer Fläche von nicht viel mehr als einem halben Quadratkilometer leben derzeit rund 5.000 Menschen. Bei der Bevölkerungsdichte wirkt Tokio schon nahezu ländlich.
Im Alter von etwa 16 Jahren verlassen die jungen Männer das Elternhaus und ziehen in das Condomium. Dort leben sie mit bis zu 30 gleichaltrigen bis zu ihrer Hochzeit, in der Regel etwa 3-4 Jahre. Dabei fällt Ihnen die Aufgabe zu, das Dorf nachts zu bewachen.
Im unteren Bereich liegt der „Aufenthaltsraum“, in dem sich das ganze Leben außerhalb der Arbeit abspielt. Darüber der Schlafraum – geschätzt 50qm für bis zu 35 Männer.
Nach der Heirat ziehen die Männer mit ihren Frauen auf ein eigenes Grundstück. Der älteste Sohn zieht dann allerdings wieder mit seiner Frau auf das Anwesen seiner Eltern. So hat Mami die Schwiegertochter immer im Blick … Nach der Hochzeit teilen sich Mann und Frau übrigens nur für die ersten Wochen das Schlafzimmer-bis die Frau schwanger ist. Danach lebt die Frau mit den Kindern in einer eigenen Hütte. Irgendwas muss da dennoch sein, denn irgendwo müssen die durchschnittlich 8 Kinder doch herkommen…
Das Zentrum bildet, wie sollte es anders sein, der Dorfplatz mit der zentralen „Datumsanzeige“. Alle 18 Jahre wird ein zusätzlicher Stamm aufgestellt. Derzeit stehen 6 Stämme im Boden, das reicht von der Genauigkeit. Gott gab den Europäern die Uhr – und den Afrikanern die Zeit. Das Leben nimmt hier sehr geruhsam seinen Lauf.







